{"id":7730,"date":"2020-11-09T23:50:20","date_gmt":"2020-11-09T21:50:20","guid":{"rendered":"https:\/\/gymnasium-odenkirchen.de\/wordpress\/?p=7730"},"modified":"2020-11-10T23:16:55","modified_gmt":"2020-11-10T21:16:55","slug":"sie-waren-unsere-nachbarn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gymnasium-odenkirchen.de\/wordpress\/?p=7730","title":{"rendered":"Sie waren unsere Nachbarn"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center\"><strong> &#8211; Rede zum Gedenken an den 82. Jahrestag der Reichspogromnacht &#8211;<\/strong><\/h3>\n<p><em>Die folgende Rede war urspr\u00fcnglich f\u00fcr die Gedenkveranstaltung anl\u00e4sslich des 82.\u00a0<\/em><i>Jahrestags der\u00a0Reichspogromnacht\u00a0bestimmt, die aufgrund des aktuellen Infektionsgeschehens leider abgesagt werden musste.<\/i><!--more--><\/p>\n<p>Sehr geehrte Leserinnen und Leser, Lehrerinnen, Lehrer und Eltern,<\/p>\n<p>liebe Mitsch\u00fclerinnen und Mitsch\u00fcler,<\/p>\n<p>eigentlich ist es ein Tag wie jeder andere: Der neunte November ist der dreihundertdreizehnte Tag des Jahres, in diesem Jahr ein Montag. Der neunte November ist ein Tag, an dem das allt\u00e4gliche Leben zumeist seinen gewohnten Gang geht; Menschen sind unterwegs &#8211; unterwegs zur Schule, zur Arbeit oder einfach zu einem friedlichen Herbstspaziergang. Der neunte November ist aber auch ein Tag des Innehaltens, des kurzweiligen Stillstands, der pl\u00f6tzlichen tiefen Ergriffenheit, die ein so geschichtstr\u00e4chtiges Datum manchmal in den kleinen, unscheinbaren Momenten mit sich bringen kann.<\/p>\n<p>Heute vor 82 Jahren wurden in Deutschland Gesch\u00e4fte und Wohnungen gepl\u00fcndert, Synagogen niedergebrannt, Friedh\u00f6fe verw\u00fcstet, J\u00fcdinnen und Juden verhaftet, mehrere von ihnen sogar ermordet.<\/p>\n<p>Die Reichspogromnacht war mehr als nur eine grausame und in ihren Ausma\u00dfen alle Werte und Prinzipien unserer Gesellschaft verachtende Nacht. Sie war mehr als eine historische Z\u00e4sur, ein deutlicher Vorbote f\u00fcr die darauffolgenden Schreckensjahre. Es war eine Nacht, in der Deutsche Deutsche dem\u00fctigten, in der Nachbarn Nachbarn offen verachteten, ja, in der Menschen Menschen entw\u00fcrdigten. Es war eine Nacht, in der Nachbarn zu T\u00e4tern und Nachbarn zu Opfern wurden. Es waren nicht nur die SA-M\u00e4nner und Funktion\u00e4re der NSDAP, es waren auch Menschen aus n\u00e4chster N\u00e4he, Menschen, die vielleicht tags zuvor ebenso wie wir heute auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit waren, die ebenfalls zuvor einen Spaziergang durch den lebendigen Herbst gemacht hatten. Die Novemberpogrome waren nicht der Beginn der Verfolgung von J\u00fcdinnen und Juden in Deutschland. Dennoch markieren sie eine historische Z\u00e4sur, eine Umkehr der anf\u00e4nglich vermehrt passiven und verstreuten kleineren Hassbotschaften in eine unbegreiflich grausamen, geplant-verselbstst\u00e4ndigten, offenen, aktiven, kollektiven Gewaltausbruch. Sie markieren zahlreiche kleine Feuer, verstreut im Alltag der Menschen kleine Brandspuren hinterlassend, die zu einem gro\u00dfen, gef\u00e4hrlichen Feuer des Hasses und der Menschenverachtung zusammenwuchsen.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich sind die Einzelheiten der Geschehnisse vor, w\u00e4hrend und nach der Reichspogromnacht vom 09. auf den 10. November 1938 in zahlreichen Geschichtsb\u00fcchern nachzulesen, Generationen von Schulklassen kommen an den Novemberpogromen nicht vorbei. Und dennoch, liebe Leserinnen und Leser, ist es f\u00fcr mich als Sch\u00fclerin ein anderes, in gewisser Weise distanzierteres und wenig betroffenes Gef\u00fchl, von Leid und Zerst\u00f6rung in diversen Gro\u00dfst\u00e4dten zu lesen, als sich deutlich bewusst zu machen, dass die Verw\u00fcstungen und Zerst\u00f6rungen damals vermutlich auch vor meiner Haust\u00fcr stattfanden. Es ist ein anderes Gef\u00fchl, durch Odenkirchen zu gehen und einen fl\u00fcchtigen Blick auf die Stelle zu werfen, an der einmal die Odenkirchener Synagoge stand. Auch sie wurde am 10. November 1938 verw\u00fcstet, der Innenraum v\u00f6llig zerst\u00f6rt. Auf eine Brandstiftung verzichtete man lediglich, weil sich das Gotteshaus zwischen Wohnh\u00e4usern befand. Es ist auch ein anderes Gef\u00fchl, an H\u00e4usern vorbeizugehen, in denen vor 82 Jahren Menschen lebten, die kurze Zeit sp\u00e4ter deportiert wurden und ihre Heimat vielleicht nie wieder sahen. Menschen, die m\u00f6glicherweise sogar von ihren eigenen Nachbarn denunziert, von ihren eigenen Nachbarn verraten wurden. Selbst Kinder wurden zu Opfern der Gewalt. Menschen wie Manfred Leven, der 1938 gerade einmal acht Jahre alt war, wurde der Boden unter den F\u00fc\u00dfen weggerissen &#8211; zun\u00e4chst in Form von Rissen, die dann immer gr\u00f6\u00dfer wurden und zu nahezu un\u00fcberwindbaren Schluchten auswuchsen, deren Abgr\u00fcnde f\u00fcr Generationen wie die meine unergr\u00fcndlich sind. Und diese Schluchten rissen die Welt, das Leben, die Heimat unserer j\u00fcdischen Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger mit sich. Es waren nicht nur Nachbarn, Bekannte und Freunde, nicht nur Sicherheit, Schutz und Vertrauen, nicht nur Eigentum und Heimat, die verloren gingen: Auch Menschlichkeit, so nat\u00fcrlich und selbstverst\u00e4ndlich sie doch eigentlich f\u00fcr die Menschen sein sollte, scheint verloren gegangen zu sein. Anne Frank schrieb einst: \u201eEinmal werden wir doch wieder Menschen und nicht nur Juden sein.\u201c &#8211; eine Aussage, die treffender und zugleich unbegreiflicher kaum sein k\u00f6nnte. Die Folgen der Reichspogromnacht mahnen uns heute noch mitten in unserer vertrauten Umgebung vor dem Vergessen: 1942 sollen keine J\u00fcdinnen und Juden mehr in Odenkirchen gelebt haben.<\/p>\n<p>Heute erinnert nicht mehr viel an die urspr\u00fcngliche j\u00fcdische Gemeinde in Odenkirchen. Die Synagoge wurde w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs zerst\u00f6rt, der Friedhof ist f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit aus Angst vor Vandalismus und Antisemitismus heute nicht mehr zug\u00e4nglich, und die wenigsten Menschen in meinem bescheidenen Alter von achtzehn Jahren sind sich der Spuren, der Furchen, die die Judenverfolgung und letztlich auch die Shoa in unserer Heimat, vielleicht sogar in unseren Wurzeln hinterlassen hat, au\u00dferhalb vergilbter Schulbuchseiten deutlich bewusst. Auch ich z\u00e4hle mich zu dieser im Gro\u00dfen und Ganzen viel zu wissen glaubenden Masse und wei\u00df doch im Grunde so gut wie nichts. Ich kann tagt\u00e4glich an der kleinen Messingplatte auf meinem Schulweg vorbeigehen und bleibe doch nur selten stehen. Ich f\u00fchre ein Leben wie jeder andere junge Mensch auch, folge zielstrebig meinem Weg und schaue nach vorne; dabei vergesse ich aber viel zu oft, auch einen Blick zur\u00fcck zu werfen, um den Weg, der mir noch bevorsteht, so vorausschauender zu beschreiten.<\/p>\n<p>Haben wir uns nicht alle schon oft gefragt, ob unsere Gro\u00dfeltern ebenso wie wir heute Nachbarn waren, die zu T\u00e4tern wurden? H\u00e4tten wir damals selbst gehandelt? Oder h\u00e4tten wir uns versteckt? H\u00e4tten wir Widerstand geleistet? Oder w\u00e4ren wir zu Mitt\u00e4tern geworden, gesch\u00fctzt durch die gro\u00dfe, teilweise anonyme Masse? Wem diese Fragen sinnlos erscheinen, der stellt vermutlich fest: Die Vergangenheit l\u00e4sst sich nicht \u00e4ndern. Wer sich diese Fragen aber dennoch stellt, der erkennt vielleicht, dass das \u201eh\u00e4tte\u201c unweigerlich mit einem \u201ew\u00fcrde\u201c und sogar einem \u201ewerde\u201c verbunden ist. Die Reichspogromnacht ist Teil einer Vergangenheit, die nie vergeht. Unserer Vergangenheit, die nie vergeht.<\/p>\n<p>Und hier m\u00fcssen wir, Sie und ich, wir alle, liebe Leserinnen und Leser, die Br\u00fccke in die Gegenwart und Zukunft schlagen. Wir waren nicht dabei, wir haben die Zerst\u00f6rungen, die Qu\u00e4lerei und das Leid nie miterlebt. Dennoch ist es ein Teil unserer kollektiven Vergangenheit und damit auch unserer Erinnerungskultur. Der Begriff Erinnerungskultur meint dabei nicht nur, dass wir uns die Geschichte, die auch zu uns geh\u00f6rt, immer wieder ins Ged\u00e4chtnis rufen, sondern verlangt auch den bewussten und aktiven Umgang mit der Vergangenheit. Die Judenverfolgung und schlie\u00dflich auch der Holocaust sind ebenso Teil unserer Erinnerungskultur wie die Stolpersteine, die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler an einem grauen Novembernachmittag mit einer Essig-Salz-L\u00f6sung von Dreck und Witterungseinfl\u00fcssen befreien und damit denjenigen, die auf diesen Stolpersteinen verewigt sind, ihren Respekt zollen.<\/p>\n<p>Sind es nicht die vielen kleinen Dinge, die von Hass, Rassismus, Antijudaismus und Antisemitismus zeugen? Und sind es nicht ebenso die vielen kleinen Gesten der Solidarit\u00e4t, Zivilcourage und Toleranz, die deutlich machen, dass Hass und Antisemitismus in unseren Herzen keinen Platz haben?<\/p>\n<p>Ich bin der festen \u00dcberzeugung, dass der Umgang mit der Vergangenheit und die Aufarbeitung der Gr\u00e4ueltaten w\u00e4hrend der NS-Zeit uns alle betreffen, denn sie sind ein Teil unserer Identit\u00e4t. Wenn ich im gelegentlich im Ausland gefragt werde, wie ich als Deutsche mit dem Gef\u00fchl der Erbschuld, das auch auf meinen Schultern lastet, umgehe, wei\u00df ich keine Patentantwort. Vielleicht gibt es sie auch gar nicht. Wenn ich gefragt werde, ob ich meine Vorfahren nicht daf\u00fcr verurteile und mich f\u00fcr mein Heimatland sch\u00e4me, wei\u00df ich ebenfalls keine Antwort. Ich wei\u00df nicht, was ich getan h\u00e4tte und was ich noch tun werde, ich kenne lediglich meine \u00dcberzeugungen und Werte, der wichtigste davon: Die W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar. Ich kann nicht verhindern, dass im Bus, auf dem Schulhof, manchmal vielleicht sogar in meinem Freundeskreis rassistische, diskriminierende und antisemitische Witze gerissen werden und \u201eJude\u201c als Schimpfwort gilt, m\u00f6glicherweise unbewusst. Aber ich kann meine Mitmenschen darauf aufmerksam machen und mich klar gegen diese \u00c4u\u00dferungen stellen. Es ist nicht meine Verantwortung, meine Vorfahren zum Reden zu zwingen und ehrlich gesagt f\u00e4llt es mir auch schwer, \u00fcber sie zu urteilen &#8211; ich habe schlie\u00dflich leicht reden. Es ist aber sehr wohl meine Verantwortung, offen und respektvoll gegen\u00fcber denjenigen zu sein, die Widerstand geleistet haben oder \u00fcberlebt haben, den Zeitzeugen zu lauschen, denn es sind meist ihre Stimmen, die unsere Erinnerungen wach halten. Es ist meine Verantwortung, diese Erinnerungen weiterzugeben und zu verbreiten, sie auch f\u00fcr mich, die ich mir das Grauen der NS-Zeit nicht in seiner G\u00e4nze vorstellen kann, zug\u00e4nglich zu machen, denn es sind das Verst\u00e4ndnis und die darauffolgende Demut, die uns dazu bef\u00e4higen, diese Verantwortung zu tragen.<\/p>\n<p>Vielleicht halten dann demn\u00e4chst noch mehr Menschen mitten im hektischen Alltag inne und werden von einer tiefen Demut ergriffen, wie ich es werde, wenn ich es wage, an der kleinen Messingplatte auf meinem Schulweg innezuhalten. Liebe Leserinnen und Leser: Bleiben Sie stehen und schauen sie einen Moment zur\u00fcck, denn die Vergangenheit vergeht nicht. Niemand kann und darf dauerhaft die Augen vor ihr verschlie\u00dfen, weil sie gleichzeitig auch unsere Zukunft ist. Und genau aus diesem Grund m\u00f6chte ich diese Rede mit einem ber\u00fchmten Zitat des Holocaust-\u00dcberlebenden Max Mannheimer beenden: \u201eIhr seid nicht verantwortlich f\u00fcr das, was geschah, aber dass es nicht wieder geschieht, daf\u00fcr schon.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8211; Rede zum Gedenken an den 82. 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