We, the six million

Lebenswege von Opfern der Shoa aus dem westlichen Rheinland

Gemeinsam gegen Antisemitismus: Wir zünden die Lichter wieder an! Hier geht es zum Lichterprojekt.

 

Das Erinnern kann viele Formen und Ausdrucksmöglichkeiten haben, ebenso wie es viele verschiedene Menschen gibt und auch geben muss, die den Erinnerungsgedanken aufnehmen und weiter verbreiten. Gerade das Thema Holocaust ermahnt uns immer wieder, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und das Bewusstsein für das Unfassbare wach zu halten. 

Anlässlich der Ausstellung „We, the six million“ der RWTH Aachen, die uns vom 02. bis 13. November 2020 besuchte, fand am Gymnasium Odenkirchen ein umfassende Projektarbeit statt, die sich mit den Schicksalen von Opfern der Shoah in und um Odenkirchen befasst hat. In zahlreichen Klassen und Kursen verschiedener Jahrgangsstufen haben die Schülerinnen und Schüler unter anderem Plakate, Podcasts, Nachrufe und viele weitere spannende Projekte erarbeitet, die ab sofort auch digital auf dieser Seite zugänglich sind.

 

 

Worum geht es in der Ausstellung „We, the six million“?

Die Ausstellung wurde auch von Klassen und Kursen des Gymnasiums Odenkirchen besucht und interaktiv in den Unterricht eingebunden.

„We, the six million“ ist eine Wanderausstellung der RWTH Aachen, die seit 2018 durch zahlreiche Schulen im Rheinland tourt, um Schülerinnen und Schülern einen Einblick in die Ausmaße des Holocaust zu geben, der im gewöhnlichen Schulunterricht oft schwer fällt. Im Mittelpunkt stehen dabei persönliche Schicksale und Biografien von Verfolgten, die wie die Schülerschaft aus dem westlichen Rheinland stammen und dadurch eine Atmosphäre der Nähe schaffen, an die kein Schulbuch herankommt. Es handelt sich um einzelne Geschichten, die für sich stehen und tiefe Einsichten in die persönlichen Lebenswege der Opfer geben, aber auch zeigen, dass der Holocaust ein Menschheitsverbrechen war und keineswegs nur wenige grausame Schicksale nach sich gezogen hat. In der Ausstellung „We, the six million“ sind die Todesopfer Menschen; Menschen, die eine Stimme erhalten, um auch zu nachfolgenden Generationen zu erreichen und die Geschichten weiterzugeben, damit diese sie überdauern.

„We, The Six Million Murdered People Speak […] / We, the six million Jewish martyrs raised our silenced voices/ Incessantly and speak to you and you and you“

„Wir, die sechs Millionen ermordeten Menschen sprechen […]/ Wir, die sechs Millionen jüdischen Märtyrer, erhoben unsere zum Schweigen gebrachten Stimmen/ unablässig und sprechen zu dir und dir und dir.“ (Übersetzung von Auszügen aus einem Gedicht von Dr. Davin Schönberger, dem die Ausstellung ihren Namen zu verdanken hat; den vollständigen Originaltext finden Sie hier)

Jede Biografie ist auf zwei Roll-Ups festgehalten, die neben Fakten, Beschreibungen und Bildern auch persönliche Erinnerungen und Zitate beinhalten. Die beiden Roll-Ups korrespondieren im Wesentlichen miteinander, erzählen aber doch zwei Teilgeschichten, die durch eine nicht nur symbolische Zäsur getrennt sind. Zumeist bewegt sich diese inhaltliche Zäsur um das Jahr 1938, in dem der Antisemitismus und die Verfolgung spätestens ab der Reichspogromnacht vom 09.10. November eine ganz neue Schreckensdimension erreichen. Für die Verfolgten, deren Lebensgeschichten auf den Roll-Ups erzählt werden, beginnt eine Zeit der Flucht, Emigration, Vertreibung und Neuorientierung.  Dass die meisten Opfer der Shoah, deren Geschichten in „We, the six million“ erzählt werden, überlebt haben und manchmal einen Neuanfang wagen konnten, hängt damit zusammen, dass die Ausstellung vorwiegend auf den sogenannten Entschädigungsakten basiert, die sich an die Überlebenden, in manchen Fällen auch deren Angehörige richteten. Aber es gibt neben den zahlreichen Emigranten, die Deutschland 1938 verließen, auch Ausnahmen wie den Odenkirchener Manfred Leven, der die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Buchenwald überlebte und nach Odenkirchen zurückkehrte.

 

 

Ein Odenkirchener, der durch die Hölle ging: Manfred Leven

Ein Mann, der die Projektarbeit am Gymnasium Odenkirchen besonders prägte, war Manfred Leven, dessen Lebensgeschichte seit 2020 ebenfalls Teil der Ausstellung ist. Ein kurzer Einblick in die Biografie:

Auf den ersten Blick war Manfred Leven ein Kind wie andere. Geboren am 27.09.1930 als Sohn des jüdischen Altwarenhändlers Otto Leven und der Hausfrau Gertrud Leven in Rheydt-Odenkirchen, wächst er in ärmlichen Verhältnissen bei seiner Mutter auf, doch bereits in jungen Jahren bekommt er die Diskriminierung von Seiten des nationalsozialistischen Regimes deutlich zu spüren: Aufgrund seiner Religionszugehörigkeit bleibt ihm der Zugang zu echtem Schulbesuch verwehrt; ein Einschnitt, der ihm auch in seinem späteren Leben noch vor Herausforderungen stellen wird.

Als der gerade einmal achtjährige Manfred am 10. November 1938 an der Mönchengladbacher Synagoge vorbeigeht, die in der Reichspogromnacht wenige Stunden zuvor großflächig zerstört wurde, wird er von der SA (Sturmabteilung: paramilitärische Kampforganisation der NSDAP) aufgegriffen und in die Gladbacher Gestapo-Zentrale gebracht. Später verschleppt man ihn in ein Frankfurter Waisenhaus. Seine Mutter, die kurze Zeit später deportiert wird, sieht er nie wieder.

1941 wird der inzwischen Elfjährige in das Konzentrationslager Theresienstadt im heutigen Tschechien gebracht, wo er schwere körperliche Arbeiten verrichten muss. Schon jetzt deutet sich an: Manfred Leven ist eine Kämpfernatur, deren Lebenswillen den unerträglichen Qualen trotzt, die das NS-Regime dem Kind zufügt. Während seines Aufenthalts in Theresienstadt trifft er unerwartet auf seine Großmutter – ein Moment der Hoffnung, der ihm neue Kraft gibt. Seine Großmutter gelangt später durch einen Gefangenenaustausch in die Schweiz und überlebt.

„In Birkenau bekam ich die Nummer […] tätowiert. A 1663! Du hast keinen Namen mehr! Du bist nichts mehr – nur A 1663!“ (Manfred Leven)

Auschwitz, die Chiffre der absoluten Menschenverachtung und der Shoah, ist einer der wohl prägendsten Abschnitte im Leben des Manfred Leven. Seine Häftlingsnummer A 1663 ist nur eines der vielen Wundmale, die ihre Spuren auf dem Jugendlichen hinterlassen. Bei der Arbeit im Sonderkommando muss er die Kleider der Ermordeten aus den Gaskammern tragen und Leichen in die Verbrennungsöfen der Krematorien legen – ein Alltag voller Leid und Tod, den er nur schwer ertragen kann. Doch wieder einmal zwingt ihn sein Lebenswille zum Durchhalten: Manfred Leven überlebt und wird nach Buchenwald deportiert, wo er 1945 von den amerikanischen Truppen befreit wird.

„Wo sollte ich denn hin?“ (Manfred Leven auf die Frage eines GO-Schülers, warum er nach Odenkirchen zurückgekehrt sei)

Dass Manfred Leven sich nach seinen schrecklichen Erlebnissen nicht in die Isolation zurückzieht, ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Nach seiner Befreiung schlägt sich der Junge zu seinem Vater nach Belgien durch und beginnt eine Metzgerausbildung, doch es zieht ihn nach einer Weile zurück in seine Heimat Odenkirchen, wo alles begann. Lange behält der heranwachsende Mann seine Erlebnisse für sich, leidet unter den erlittenen Traumata. Doch er überwindet sich und seine Ängste, fängt an, über sein Schicksal zu sprechen, hält Reden auf Gedenkveranstaltungen und kommt auch mit SchülerInnen ins Gespräch. Seine Botschaft: Auschwitz darf sich niemals wiederholen.

Um einer so beeindruckenden wie zerrissenen Persönlichkeit, deren Willensstärke durch jede dieser Zeilen dringt, ein Gesicht zu geben, erstellte der Q2-Geschichts-LK von Frau Beberok gemeinsam mit einer kleinen Delegation der RWTH Aachen zwei eigene Roll-Ups für Manfred Leven, die seit November 2020 ebenfalls Teil der Ausstellung sind. Die Texte dieser Roll-Ups finden Sie hier. Eine der wohl wichtigsten Erkenntnisse des Projekts blieb dennoch: Die Arbeit, die hinter diesen Roll-Ups steckt, wurde nicht zuletzt durch zahlreiche Diskussionen zwischen SchülerInnen und Fachleuten der RWTH mit Leben gefüllt; bereits kleine Schwerpunktsetzungen lernten die angehenden Abiturienten zu verinnerlichen und ihre Meinung gegenüber der Aachener Delegation zu vertreten. Der feinfühlige, tiefe Austausch wurde zum Schlüssel des Verständnisses des Unbegreiflichen.

Natürlich sind die Vorgaben einer Universität sehr dogmatisch: Im Zentrum der Projekterarbeitung des Leistungskurses stand nicht zuletzt die Frage: Wie ist es möglich, Manfred Leven mit gerade einmal 1800 Zeichen angemessen zu würdigen? Um auch die vielen kleinen Geschichten, die in den Roll-Ups zu kurz gekommen sind, aufzugreifen, erstellte die Klasse 8c unter der Leitung von Frau Laule Plakate mit den Lebensstationen von Manfred Leven, die den Zugang insbesondere für jüngere MitschülerInnen, aber auch für ältere Jahrgänge wesentlich erleichtern und erweitern. Und selbst akustisch lebt Manfred Leven Geschichte weiter: Insgesamt neun Podcasts der Jahrgangsstufe 9, erstellt unter der Anleitung von Frau Laule und Frau Beberok, geben dem Überlebenden und Kämpfer eine Stimme, die ab sofort auch auf dieser Seite zugänglich ist:

 

Podcast 9a (1) zum Download

 

Ein besonderer Moment in der Auseinandersetzung mit Manfred Levens Geschichte war der Besuch seiner Ehefrau Christel Leven, die drei Schülerguides der Jahrgangsstufe Q2 am 09. November 2020, dem 82. Jahrestag der Reichspogromnacht, durch die Ausstellung führten, um ihr die vielseitigen Arbeiten zur Biografie ihres Mannes zu zeigen.

„Es war keine leichte Zeit, aber wir haben es geschafft. Wir sind bis zum Schluss zusammengeblieben.“ (Christel Leven)

Bevor Frau Leven eintraf, herrschte gespannte Stimmung im Kreise der Schülerinnen und Lehrkräfte, schließlich trifft man nicht jeden Tag auf eine Zeitzeugin, die weiß, was damals auch vor unserer Haustür geschehen ist und von Erlebnissen erzählen kann, die so berühren, wie kaum ein Schulbuch-Darstellungstext es schaffen könnte. Umso größer war die Freude, dass die Roll-Ups zu Manfred Leven sehr nah an dessen persönlichen Erzählungen lagen. Die Rührung der alten Dame berührte auch die Anwesenden und zeigte, dass diese Lebensgeschichte mehr ist als ein Zeugnis der Vergangenheit. Es ist die Geschichte eines Menschen, eines besonderen Menschen, der unvorstellbare Qualen erlebt hat, die wir nie erlebt haben und hoffentlich auch niemals erleben werden. Es ist die Geschichte, die uns zeigt, wie real und zugleich unvorstellbar der Holocaust war. Beim Austausch über die Lebensstationen Manfreds war es insbesondere die Verarbeitung der Erlebnisse, die den Geist des Morgens bildete. Die innere Zerrissenheit, von der uns Frau Leven berichtete, führte die Anwesenden in eine ganz neue Tiefe der Person Manfred Levens ein, die seine niemals verstummen wollende Stimme noch beeindruckender erschienen ließ. Doch auch amüsante Anekdoten, die wie kleine Lichtstrahlen im Dunkeln wirkten, brachte Frau Leven mit. So berichtete sie mit einem Schmunzeln im Gesicht, dass sie ihren Ehemann zufällig über die Bild-Zeitung kennengelernt habe.

 

 

 

Rettete vielen jüdischen Kindern das Leben: Martha Steuber

Eine weitere bewegende Lebensgeschichte, die während der Projektarbeit am Gymnasium Odenkirchen aufgearbeitet wurde, ist jene der Martha Steuber, der zweiten Ehefrau von Otto Leven und damit Manfred Levens Stiefmutter: Mittels eines Reisepasses, in dem vermerkt war, dass sie zwei Kinder hatte, deren Daten nicht näher abgedruckt waren, schmuggelte sie unter Gefahr für ihr eigenes Leben zahlreiche jüdische Kinder von Deutschland nach Belgien und rettete ihnen so das Leben. Später kämpfte sie im belgischen Widerstand gegen das NS-Regime. Ein beeindruckender Einsatz, der es aus Sicht der Odenkirchener mehr als wert ist, erzählt zu werden. Und so beschlossen die Q2-Geschichts-Grundkurse unter der Leitung von Herrn Cremers und Herrn Hoffmann, Entwürfe für eine Gedenktafel zu erstellen, die auch an die Stadt Mönchengladbach überreicht wurden und von denen eine Tafel später einmal vor ihrem letzten Wohnsitz einen Platz finden soll. Wir werden berichten, ob und wie
dieses Projekt von der Stadt umgesetzt wird!

Einige Entwürfe für die Gedenktafel finden Sie hier.

 

 

Die Augen und das Herz zum Stolpern bringen: Stolpersteine in Odenkirchen

Neben den ausführlichen Projektarbeiten sind es auch die vielen kleinen Dinge, die täglich vor dem Vergessen mahnen und an das Schicksal von Menschen erinnern, die einmal unsere Nachbarn waren. Nachbarn, die einmal in und um Odenkirchen gelebt haben und aus ihren Häusern vertrieben, oftmals sogar deportiert und ermordet wurden. Nachbarn, auf deren Schicksal man heute wieder auf dem Weg zur Schule, zur Arbeit, oder in eine unbestimmte Richtung aufmerksam wird. Schicksale, die das Herz und die Augen zum Stolpern bringen.

„Ohne Kleider ohne Haar/ ohne Namen entwürdigt/ vernichtet von irriger Macht mahnen/ auf ihren-unseren Wegen/ Steine mit Namen/ und haben mein Herz, meine Augen/ zum Stolpern gebracht.“ (Gedicht von Barbara Corsten)

Was sind Stolpersteine?

Stolpersteine sind kleine Pflastersteine in den Maßen 10 x 10 x 10cm, die aus einem Stein und einer darauf verankerten Messingplatte bestehen. Auf der Messingplatte sind Name, Jahrgang und Schicksal (z.B. Deportationsziel, Todesdatum) der Menschen abzulesen, die von den Nationalsozialisten aus ihrer Heimat vertrieben und oftmals deportiert wurden. Die Stolpersteine befinden sich vor dem letzten selbst gewählten Wohnsitz des jeweiligen Opfers und machen so Passanten auf dessen Schicksal aufmerksam. Das Stolperstein-Projekt, das vom Kölner Künstler Gunter Demnig 1992 ins Leben gerufen wurde, dient der Erinnerung an diese Menschen, die einst unsere Nachbarn waren, und setzt europaweit ein Zeichen gegen das Vergessen.

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ (Gunter Demnig)

Stolpersteine in Odenkirchen:

Auch in Mönchengladbach gibt es sie, die Stolpersteine. Die ersten im Stadtgebiet wurden am 27.01.2006 in Odenkirchen verlegt, es folgten seither über 250 weitere. Um auch den Schicksalen hinter den kleinen Messingtafeln ein Gesicht zu geben, haben die katholischen Religionskurse der Jahrgangsstufen 9 und EF unter der Leitung von Frau Getz und Frau Praas einen Stolperstein-Rundweg erstellt, den Sie hier einsehen können.

Außerdem widmeten sich gleich mehrere Schülerinnen der Jahrgangsstufe Q2 den Odenkirchener Stolpersteinen in gefühlvollen selbst gedrehten Videos:

Das Video „Odenkirchen vergisst nicht“ führt Sie und Euch zu den Erinnerungsorten in Odenkirchen, die noch heute vor dem Vergessen mahnen:

 

In einem weiteren sehr gefühlvollen Video trägt Ihnen und Euch die Schülerin Leonie Falkowski ihr selbst geschriebenes Gedicht „Messing und Stein (und ich wünschte, es wäre anders)“ vor, in dem sie ihre Gedanken zu den Namen, den Menschen hinter den kleinen Messingplatten, die auf unseren Wegen liegen, teilt. Hier finden Sie zudem den Text des Gedichts mit einem persönlichen Kommentar der Q2-Schülerin.

Doch auch die alltägliche Erinnerung muss regelmäßig aufgefrischt werden, der Staub der Zeit, der sich auf der Erinnerung ansammelt, von Zeit zu zeit entfernt werden. Aus diesem Grund folgten die Jahrgänge 9 und Q2 dem Aufruf der Stadt Mönchengladbach und begaben sich in die Odenkirchener City, um, ausgerüstet mit einer Essig-Salz-Lösung, kleinen Schwämmen und Rosen, die Stolpersteine auf den Straßen Odenkirchen zu putzen und so denjenigen, derer dort gedacht wird, Respekt zu zollen. Einen ausführlichen und sehr lesenswerten Artikel zur Stolperstein-Reinigungsaktion finden Sie hier.

 

 

Gegen das Vergessen

Die gesamte Projektarbeit rund um die Ausstellung „We, the six million“ gilt der Erinnerung an die zahlreichen Einzelschicksale, die durch diesen Prozess Namen und nicht nur Zahlen in irgendwelchen Statistiken bekommen sollen. Seien es die Projektarbeiten zu Manfred Leven und Martha Steuber, gefühlvolle Nachrufe der Religionskurse 8 und 9 unter der Leitung von Frau Laule, oder die Stolperstein-Aktionen, die den Blick zurück in die Vergangenheit, die auch unsere Vergangenheit ist, werfen.

Ein besonderes Moment im Zeichen des Erinnerns sollte die Gedenkveranstaltung anlässlich des 82. Jahrestags der Reichspogromnacht am Gymnasium Odenkirchen sein, die aufgrund der Corona-Pandemie leider ausfallen musste. Die Rede einer Schülerin, die für diesen Anlass ursprünglich verfasst wurde, können Sie dennoch ab sofort hier lesen.

Was wir allerdings oft vergessen: Die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehören unweigerlich zusammen. Wir können nicht in die Gegenwart und Zukunft schauen, wenn wir die Vergangenheit nicht aufarbeiten, ebenso können wir aber auch nicht ausschließlich den Blick in der Vergangenheit verweilen lassen und die Augen vor der Gegenwart verschließen, in der Rassismus und Antisemitismus auch in unseren Reihen wieder erstarken. Vergangenheit vergeht nicht. Dass wir auch heute, vielleicht besonders heute achtsam sein müssen, um aus der Vergangenheit zu lernen, zeigen nicht zuletzt die Projektarbeiten des Q1-Deutsch-LKs vom Frau Laule zu „Antisemitismus heute“ und des EF-Sowi-Kurses zu „Rassismus in der Gegenwart„. Letztere Arbeit finden Sie hier.

Am Ende des Projekts ist auch die Resonanz der mitwirkenden Schülerinnen und Schüler mehr als deutlich: Wir können und dürfen die Augen nicht vor der Vergangenheit verschließen, aber ebenso wenig vor der Gegenwart. Mögen Manfred Leven, Martha Steuber, die Menschen hinter den Stolpersteinen und die Zeitzeugen, die unermüdlich gegen das Schweigen und Vergessen kämpfen, unsere Augen und unser Herz zum Stolpern bringen. Es ist unsere Verantwortung, auch den anderen Verfolgten, Ermordeten einen Namen, eine Stimme zu geben. Es ist unsere Verantwortung, offen und respektvoll gegenüber denjenigen zu sein, die zum Schweigen gebracht werden sollten und doch sprechen. Es ist unsere Verantwortung, unsere Erinnerungskultur zu pflegen und aufzuarbeiten. Es ist unsere Verantwortung, zu Brückenbauern zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu werden. Denn:

„Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah, aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“ (Max Mannheimer)

Wir machen weiter – auch nach der Ausstellung!

 

 

Lichteraktion gegen Antisemitismus

Mit großem Entsetzen erfuhr die Schulgemeinde des Gymnasiums Odenkirchen vor wenigen Tagen, dass das Grab des Odenkirchener Holocaust-Überlebenden Manfred Leven, dessen Lebensgeschichte Mitte November eine zentrale Rolle in der Ausstellung „We, the six million“ spielte, geschändet wurde. Nach Rücksprache mit Frau Leven möchten wir an dieser Stelle ein ausdrückliches Zeichen gegen Antisemitismus setzen – auch hier in Odenkirchen!

Es ist ein trauriger und in jeder Hinsicht beschämender Anblick, der sich einer Schülergruppe der Jahrgänge 8 und Q2 unserer Schule am 07.12.2020 offenbart: Bereits in der vergangenen Woche wurde das Grab des Odenkirchener Holocaust-Überlebenden Manfred Leven auf dem jüdischen Friedhof in Odenkirchen geschändet – und nach wie vor sitzt der Schock tief.

Überreste eines Blumenschmucks finden sich zwischen Scherben und Kerzenwachs, mit dem der Grabstein mutwillig beschmiert wurde; der Fuß einer Laterne, die zum Schutz vor Vandalismus im Boden verankert war, ist das Letzte, was von dem herausgerissenen Licht übrig geblieben ist. Die Verwüstung des Grabs zeugt auch Tage nach der Tat noch von dem gewaltigen Hass; die Kraftaufwendung, die für dieses furchtbare Ausmaß notwendig war, lässt alle die Zerstörungsbereitschaft, die hinter dieser verachtenswerten antisemitischen Tat steht, deutlich spüren, und selbst die sonst so vergnügten Schülerstimmen verstummen für einen Moment, als Frau Leven die Delegation der Schule auf dem Friedhof begrüßt.

SchülerInnen, Lehrkräfte und Frau Leven stehen gemeinsam vor dem Grab Manfred Levens

Bereits am Ende der vergangenen Woche, als die Schülerinnen und Schüler in der Schule von der Grabschändung erfuhren, herrschte augenblicklich Totenstille. Ein Gefühl des Entsetzens, der Machtlosigkeit und der tiefen Ergriffenheit begleitete schon an diesem Tag den Unterricht. Schnell war für die SchülerInnen klar: Wir stehen zusammen hinter Frau Leven. Wir stellen uns gemeinsam gegen diese zutiefst entwürdigende Tat. Und doch schwingen unbegreifliche Fragen mit: Wer hat das getan? Wie kann so etwas in Deutschland – gerade in Deutschland! – geschehen? Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass der Antisemitismus in Deutschland wieder häufiger um sich greift und große Schatten auf unsere Gesellschaft wirft. „Vor Antisemitismus […] ist man nur noch auf dem Monde sicher“, schrieb die jüdische Philosophin Hannah Arendt 1941 inmitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs. Ihre bittere Schlussfolgerung sollte uns eigentlich mehr als eine Lehre, eine Mahnung sein. Und doch gibt es sie, die antisemitischen Taten, mitten unter uns. Die entsetzlichen Taten, die durch die Medien gingen und immer noch gehen – denken wir beispielsweise an den Anschlag in Halle 2019 – halten uns immer wieder den Spiegel vor und sorgen zeitweise für große Wellen der Zivilcourage. Mit einem Schlag wird uns bewusst, dass wir die Vergangenheit nicht vergessen dürfen, ja, dass die Vergangenheit nie vergeht. Ebenso sollten uns aber auch die Taten in unserem unmittelbaren Umfeld wachrütteln, uns ebenso dazu bringen, uns gemeinsam dagegen zu stellen – und das nicht nur, wenn eine antisemitische Tat begangen wurde.

Wenn unsere Schulgemeinde Frau Leven ihren größten Respekt zuspricht, dann meint sie es auch. Es ist keineswegs selbstverständlich, sich nach so einer grausamen Tat gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern vor das verwüstete Grab des eigenen Mannes zu stellen und offen darüber zu sprechen, anstatt zu schweigen. Unsere Aufgabe, mehr noch, unsere Pflicht ist es, ihre Botschaft weiterzutragen. Manfred Leven hat nicht umsonst über sein Schicksal gesprochen, nicht umsonst Schülerinnen und Schülern seine Geschichte erzählt, nicht umsonst mit aller Kraft gegen das Vergessen gekämpft. Seine Frau Christel Leven trägt diese Botschaft nicht umsonst weiter, lässt sich nicht umsonst von derartigen Schandtaten nicht zum Schweigen bringen – und sie sind nicht allein!

Seite an Seite standen am 07.12.2020 Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Frau Leven vor dem Grab Manfred Levens. Sie taten dies nicht, um die Schandtaten, die die Täter verübt hatten, näher in Augenschein zu nehmen, obgleich niemand der Anwesenden die Augen davor verschließen konnte und wollte. Sie taten es, um die Abgründe, die die Täter aufzureißen versuchten, zu überwinden und sich gegen diese und jegliche andere Form von Antisemitismus zu stellen. Die Schänder von Manfred Levens Grab sind ein Schandfleck für unsere Gesellschaft. Sie griffen den Toten, seine Würde, seine Angehörigen an. Sie griffen den Überlebenden an, der in seinem Leben so unaussprechliches Leid erfahren hatte und trotzdem weiterkämpfte. Sie griffen den Menschen Manfred Leven an. Sie griffen damit auch unsere Gesellschaft, uns Menschen an. Aber wir werden deshalb ebenso wenig schweigen. Wir tragen die erschreckende Nachricht, aber auch die Verantwortung, die sich daraus für uns ergibt, an die Öffentlichkeit – auch deshalb lesen Sie hier, was geschehen ist. Wir tragen die Verantwortung, dass so etwas nie wieder geschieht, und mahnen an der Seite der Holocaust-Opfer und Zeitzeugen vor dem Vergessen, weil die Vergangenheit niemals vergeht – nie!

 

 

Wir zünden die Lichter wieder an!

Das Gymnasium Odenkirchen stellt sich mit allen Mitteln gegen den neu aufkeimenden Antisemitismus. Deshalb zünden wir das Licht der Laterne, das die Täter auszulöschen versuchten, wieder an. Und es wird nicht das einzige sein: In den vergangenen Monaten haben wir Sie und Euch dazu aufgerufen, ebenfalls die Lichter für Manfred Leven und auch alle anderen Holocaust-Opfer wieder anzuzünden und ihre Botschaft weiterzutragen. Dazu haben wir Bilder von Kerzen gesammelt, die der Schulgemeinde seit März 2021 als Collage im Foyer des A-Baus zugänglich sind und so symbolisch den Schatten, die der Antisemitismus auf uns wirft, entgegen leuchten. Für die zahlreichen Einsendungen und die große Resonanz bedanken wir uns ganz herzlich! Hier geht es zu den Lichterfotos.

 

Auch Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe Q2 widmen sich dem Aufruf in einem selbst gedrehten Video. Die Schänder von Manfred Levens Grab mögen die Laterne aus dem Grabstein gerissen und das Licht gelöscht haben, aber wir zünden es wieder an – und noch viele weitere Lichter! Viele verschiedene Schülerinnen und Schüler haben in ihren Zimmern Kerzen angezündet, Kerzen, die bis zum jüdischen Friedhof führen – folgen Sie unserem Weg! Hier geht es zum Video der Schülergruppe.

Ausstellung „We, the six million“ in Kooperation mit der RWTH Aachen
Die Ausstellung wurde auch von Klassen und Kursen besucht.
Roll-Ups zu Manfred Leven (Ge Lk Q2)
Roll-Ups zu Manfred Leven
Besuch von Frau Leven
Besuch von Frau Leven
Besuch von Frau Leven
Besuch von Frau Leven
Besuch von Frau Leven
Rassismus in der Gegenwart (GK Sw EF)
Rundweg zu Stolpersteinen in Odenkirchen (GK KR EF, KR 9)
Nachrufe für Martha Steuber und Manfred Leven (KR 8/9)
Antisemitismus heute (Lk D Q1)
Antisemitismus heute (Lk D Q1)
Entwürfe für Gedenktafeln für Martha Steuber (GK Ge Q2)
Plakate zu den Lebensstationen von Manfred Leven (8c)
Plakate zu den Lebensstationen von Manfred Leven (8c)
Plakate zu den Lebensstationen von Manfred Leven (8c)
Podcasts zu Manfred Leven (9a/ 9b)
Stolperstein-Putzaktion der Jahrgänge 9 und Q2
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